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[Meine Buchprojekte] E pluribus unum

Alice

The Element of Wisdom
Staff member
#1
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E pluribus unum ist mein aktuelles Romanprojekt, und in diesem Thema will ich euch die ersten beiden Kapitel als Leseprobe geben. Es kommt wohl Mitte März raus, und mich würde eure Meinung interessieren.
 

Alice

The Element of Wisdom
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#2
01> Club Blue

Die Stroboskope tauchten die Tanzfläche in den erratischen Schein zuckender Laserstrahlen, während der DJ die Bässe der Quarz-Lautsprecher so richtig zum Dröhnen brachte. In dem Club, der nach akustischen Gesichtspunkten konstruiert war, verstärkte sich der Ton noch zusätzlich, je weiter man ins Zentrum trat. Am Rand, wo sich die Bar befand, blieb von den sich hektisch durch die unteren Tonlagen windenden Melodien häufig nur noch die Bassline übrig, die sich in den Eingeweiden festsetzte und für ein unterschwelliges Vibrieren im Beckenboden der Gäste sorgte.

Maya, in der linken Hand einen giftgrünen Cocktail, der ein sanftes Glühen abgab, die rechte locker in die Tasche der Anzughose gesteckt, zirkelte durch den Raum. Sie war auf der Jagd, Geronimo Divine, ihr Alter Ego, war auf der Jagd. SenseNet übertrug das sanfte Hintergrundrauschen der Mini Pulses, die aus dem Club abgesetzt wurden, und ließ die vielen kleinen Textschnipsel, Videos und Fotos durch ihr Blickfeld huschen. Ihr war nach einem Abenteuer, und eine der Ladies hier in dem Raum oder draußen in den angrenzenden Etablissements würde heute Nacht das Vergnügen haben, das Bett mit ihr teilen zu dürfen. Es half immer ein wenig, schon im Voraus abzustecken, wer sich besonders als Eroberung eignete, und Social Engineering im SenseNet war ein elementarer Teil ihrer Masche.

Die Mehrheit der Gäste war ganz normales Romy Folk, eine homogene Mischung aller Gesellschaftsschichten, die man zu dieser Tageszeit in einem Club antreffen konnte. Viele der Frauen waren mit ihrem Partner oder Freund hier, und die schieden bereits von vorneherein aus, denn Mayas Spiel fußte nicht darauf, einem Loser seinen Input auszuspannen. Ihr ging es um jene Frauen, die tatsächlich auf ein Abenteuer aus waren, einen One Night Stand wollten, aber trotzdem drauf standen, erobert zu werden. Nur für sie wurde Maya zu dem smarten Gentleman Geronimo Divine, für den es ganz natürlich war, eine Dame zu hofieren und ihr das Gefühl zu geben, dass es nur um sie ging. Schließlich musste sie ihr Ziel nur genauso behandeln, wie sie selbst behandelt zu werden erwartete.

Ein paar der anwesenden Frauen waren echte Celebrities, Life Streamer, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienten, ihr gesamtes Leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen über das SenseNet zu übertragen. Einerseits war das eine unglaublich profane Angelegenheit, und die meisten Fans schalteten nur wegen der mehr oder weniger ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmale der Protagonistinnen ein. Auf der anderen Seite war das für diese Möglichkeit benötigte Upgrade ihres Adapters auf SenseNet+ (oder SenPro, wie die meisten Menschen das Upgrade nannten) durchaus auch aus anderen Gründen reizvoll, denn es ermöglichte einen noch viel direkteren, schnelleren und vor allem werbefreien Zugriff auf das SenseNet. Man fühlte sich damit nicht einfach nur sinnlich, man fühlte sich übersinnlich. Sei's drum - auch diese sogenannten Prominenten waren Maya egal. Diese Sterne hingen in viel höheren Wolken als Sol von hier entfernt war, das Sonnensystem und die Wiege der Menschheit.

Es gab wirklich gute Gründe, das SenseNet zu lieben. Es umspannte die gesamte Expansion, die von Sol ausgehend ungefähr dreihundert Lichtjahre ins All hinaus reichte. Die Einführung des Adapters, der jedem Menschen bei der Empfängnis eingesetzt wurde und mit diesem zu einer Einheit verwuchs, hatte die Menschheit endlich geeint. Durch dieses neue Bewusstsein von Gemeinschaft, dieses Wissens, ein Teil von etwas großem zu sein, war die Kriminalitätsrate innerhalb weniger Wochen fast auf den Nullpunkt gefallen. Das war der Startschuss gewesen für eine kulturelle und technologische Entwicklung, wie sie die menschliche Rasse in ihrer gesamten Geschichte nicht erlebt hatte. Grenzen fielen, und man arbeitete geeint daran, den Planeten Erde zu verlassen, über die Notwendigkeit von Arbeit und Geld hinaus zu wachsen, Krankheiten, Hunger, Armut und Hass zu überwinden und das Leben für alle, die in das SenseNet eingeklinkt waren, besser zu machen. Mittlerweile profitierten 22 Milliarden Menschen von den Vorteilen und der Sicherheit, die das System ihnen bot, und die Zahl - und mit ihr die Entwicklung von Wissenschaft, Kunst und Kultur - wuchs weiter.

Um die wenigen Menschen, die tatsächlich noch Ambitionen hatten, gegen die Gesetze zu verstoßen, kümmerten sich die beiden staatlichen Institutionen SecTac und MedicAid. Wurde ein Mensch auffällig, schlug der Adapter Alarm, und die zuständigen Behörden nahmen sich die fragliche Person zur Brust, um zu ergründen, ob sich mit Therapie und Medikation etwas an dem Problem tun ließ. Die meisten konnten ein normales Leben führen. Weggesperrt wurde kaum noch jemand. Und selbst diesen unglücklichen Seelen bot der Adapter eine Möglichkeit, ihrer räumlichen Isolation zum Trotz am sozialen Leben teilzuhaben.

Diese Automatismen betrafen auch vor allem psycho- und soziopathische Störungen. Kleinere Gaunereien konnte man durchaus noch durchziehen, ohne das automatisierte System zu triggern. Wenn man sich nicht erwischen ließ, war so ein abwechslungsreiches und erträgliches Leben möglich - und Maya hielt große Stücke darauf, noch nie erwischt worden zu sein.

Und in die Träume konnte SenseNet dann bei allem Fortschritt auch immer noch nicht hineinsehen - ein Fakt, mit dem auch die Life Streamer nicht sehr glücklich waren, denn weniger Sendezeit bedeutete auch weniger Einnahmen durch geschaltete Werbung.

Maya war in der Zwischenzeit eine der aus papierdünnem Plexiglas gefertigten Treppen zur Empore hinauf flaniert, die den gesamten Raum in etwa vier Metern Höhe einfasste. Laser erzeugten in den Stufen intelligente Lichtspiele, die auf die Besucher reagierten und über eine SenseNet API ihre letzten Mini Pulses und Fotos neben ihre als Schatten zurückbleibenden Fußabdrücke zeichneten.

Von der Galerie führten mehrere Türen auf einen das Gebäude umspannenden Balkon hinaus. Dieser bot einen atemberaubenden Blick auf City 17, wie diese Siedlung bei ihrer Gründung wenig einfallsreich genannt worden war. Der Club lag hoch über der Stadt, und überall in der Nähe der ebenfalls aus Plexiglas gestalteten Balustrade, die Besucher vor einem Sturz in die Tiefe schützte, hielten sich intelligente Drohnen auf, die all diejenigen auffingen, denen es trotz der Sicherheitsvorkehrungen gelang, darüber zu klettern. Und das kam, wenn Alkohol und unerfahrene Teens, die ihr Limit nicht kannten, zusammentrafen, leider immer wieder einmal vor.

Maya trat in die Nacht hinaus. Die Luft war angenehm mild und angefüllt mit einem lieblichen Hauch von Vanille. Die Aromaten, die überall in den habitablen Zonen von 51-Andromedae c angetroffen werden konnten, waren ein für diesen Exoplaneten typisches Nebenprodukt des Terraformings, das immer noch im vollen Gange war. Trotzdem hatte das Gouvernement bereits eine weitestgehend autarke Lebensweise auf dem Planeten erreicht. Unsummen waren in die Infrastruktur der zwanzig großen Städte geflossen, um diese zu pulsierenden Metropolen für aufstrebende Startups und aufregende Trendsetter gleichermaßen auszubauen. Knapp über dreißig Millionen Menschen lebten, arbeiteten und feierten in den mit pechschwarzem Glas verkleideten Wolkenkratzern, die sich glitzernd in den stets mit Wolkenschleiern überzogenen Himmel reckten. Die Stadt war ebenfalls von einer künstlichen Intelligenz nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit entworfen worden, und so war jede der hoch aufragenden Säulen mit ihren Wohnungen und Geschäften, Büros und Vergnügungsvierteln gleichzeitig auch eine photovoltaische Anlage, die die größtmögliche Menge Energie aus der Strahlung des Klasse K3-III Sterns zu gewinnen in der Lage war. Nachts erstrahlte die Stadt hingegen im Schein unzähliger Lichtquellen. Der Anblick war, zumal auf der Galerie des in schwindelnder Höhe angesiedelten Club Blue, immer wieder atemberaubend, ein schillerndes Lichtermeer, das, alten Sirenengesängen gleich, Verlockung und Erfüllung wildester Phantasien verhieß.

Maya ließ ihren Blick über das anwesende City 17-Volk schweifen. Auf dem Balkon hielten sich vornehmlich Pärchen auf, die in der warmen Nachtluft einander ihre niemals endende Liebe gestanden. Das war natürlich Blödsinn, wie Maya wusste, schließlich war nicht einmal das Universum für die Ewigkeit gemacht, und so manches im Rausch der Vanille und der exotischen Cocktails gemachte Liebesversprechen fand bald ein jähes Ende. Nicht jedoch bei ihr, denn ihr ging es gar nicht um eine feste Beziehung, sondern um den Reiz der Eroberung, das Hochgefühl, wenn das Ziel ihrer aktuellen Begierde neben ihr im Bett lag und sich eingestand, dass Frauen manchmal doch die besseren Liebhaber waren.

Und heute schien sich zunehmend abzuzeichnen, dass das Ziel ihrer Begierde schwarze Haare haben würde. Sie lehnte alleine an der gläsernen Balustrade und blickte in das bunte Schimmern hinab. Sie war ein bisschen größer als Maya und hatte eine schlanke Statur, die von ihrem vorteilhaft geschnittenen Hosenanzug noch unterstrichen wurde. Über die schmalen Schultern trug sie ein winziges Jackett aus einem silbernen High-Tech-Gewebe, wie es wohl bei EVA-Panzern Verwendung fand. Maya gönnte sich einen Blick auf das Profil der Schönheit - alles an ihr schien auf entrückende Weise zu schmollen.

Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Volltreffer.

Sie stellte den Cocktail auf einen metallenen Tisch und trat an die Seite ihres Ziels, wobei sie sich lässig auf den Handlauf der Balustrade lehnte. Eine Weile stand sie nur schweigend dort und warf ihrer Nachbarin bewusst offensichtlich „verborgene“ Blicke zu. Das gehörte zum Spiel dazu. Dann sagte sie: „Mir gefällt, was du mit deinem Gesicht gemacht hast, Milady. Dein Lippenstift, das ist Rose Peaches aus der Herbstkollektion von Chevalier, nicht wahr?“

Die junge Frau schenkte ihr einen langen Blick aus den künstlichsten aquamarinfarbenen Augen, die Maya jemals gesehen hatte. Ihr Gesicht war nicht perfekt, es wies eine gewisse Asymmetrie auf, genau wie sie es mochte. Sie musterte Maya, dann stahl sich die Vorahnung eines Lächelns auf ihre vollen Lippen. „Das ist richtig“, sagte sie. „Ich kenne nicht viele Männer, die den Lippenstift einer Frau mit nur einem Blick erkennen. Gutaussehende Gentlemen wie du sind selten geworden.“ Sie streckte ihre Hand aus. „Ich bin Marigold.“

„Ich heiße Geronimo“, stellte Maya sich vor und nahm die ihr dargebotene Hand, um einen formvollendeten Handkuss zu vollziehen - die Lippen durften den Handrücken der Dame also nicht berühren. „Es ist eine Schande, dass man solch klassische Frauen wie dich nicht mit mehr Respekt behandelt.“

„Du klingst nicht wie die typische Klientel dieses Clubs.“ Erneut musterte sie Maya. „Bei den meisten da drin muss man froh sein, wenn sie das Klo nicht mit dem Waschbecken verwechseln.“

„Ich mag die Musik und die Ablenkung, die mir der Laden bieten“, erwiderte diese leichthin. „Ablenkung vom Tagesgeschäft. Leider verträgt sich mein Musikgeschmack nur wenig mit meinen geschäftlichen Dingen - ich handele nämlich mit Antiquitäten und Artefakten aus Sol.“ Sie winkte ab. „Aber lass uns diesen perfekten Abend doch nicht mit Gesprächen über unsere Jobs ruinieren. Wir sind hier, um uns zu vergnügen, nicht wahr, Marigold?“

Ehe Marigold antworten konnte, stürzte in nur wenigen Metern Entfernung ein schwarzer Schweber aus dem Himmel. Die vier Turbinen, die dort an dem schnittigen Rumpf angebracht waren, wo ein normales Bodenfahrzeug seine Räder hatte, jaulten und brachten die gläserne Fassade des Hochhauses zum Klirren. Die Scheiben waren verspiegelt, und die diversen Lichter, die an Flugmaschinen zur Sicherung Vorschrift waren, blendeten die beiden Frauen und die anderen Besucher von Club Blue auf höchst unangenehme Weise. Überall um Maya und Marigold herum stürzten die Menschen zur Balustrade, doch der Spuk war schon vorbei und der Schweber im Lichtermeer unter ihren Füßen verschwunden.

„Meine Güte“, sagte Marigold und kicherte leise. „Der hatte es ganz schön eilig.“

„Kommt vielleicht zu spät zu einer Party. Die Sicherheit wird sich um ihn kümmern, sobald er unten ankommt.“ Maya zuckte mit den Schultern. Dann bot sie ihrer Eroberung den Arm an. „Darf ich dich zu einem Drink an der Bar überreden?“

„Ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht mehr fragen, G-Man.“
 

Alice

The Element of Wisdom
Staff member
#3
02> Kaum wahrnehmbare Dissonanz

"Warnung!", sagte der Bordcomputer des schwarzen Schwebers, als dieser seinen Sturz abfing und sehr sportlich in eine enge Kurve rund um den Fuß von Tower 17-1192 einschwenkte. „Sie verletzen geltendes Recht von City 17. Bitte landen Sie, stellen den Motor ab und warten auf die Sicherheitskräfte.“

„Überbrücken“, befahl D'Anclaude. „Sarah, überbrücke das für mich.“

„Alarm wird deaktiviert“, antwortete die Stimme ihrer SERAPHIC über ihren SenseNet-Adapter. „Es wurde bereits eine taktische Einheit in Bewegung gesetzt. Ihr ETA liegt bei sieben Minuten nach deiner Landung, Aislinn.“

„Stell mir einen Countdown in den Sehnerv.“ D'Anclaude seufzte. „Hätte ja auch mal ein einziges Mal glatt ablaufen können.“

„Du hast auf Geheimhaltung gedrängt“, erinnerte Sarah ihren menschlichen Partner. „Ich hatte angeregt, die Sicherheitskräfte vor Ort über unsere Anwesenheit zu informieren.“

„Hätte unter Umständen unser Ziel alarmiert.“ D'Anclaude brachte den Schweber vor dem Valet-Bediensteten zum Stehen, der bei diesem Wolkenkratzer für das Parken der Wagen oder die Rückgabe an das Transitsystem der Stadt zuständig war. Sie konnte spüren, dass die hintere Steuerbord-Schubdüse gegen den Bordstein prallte und daran entlang schrammte. Die Tür glitt automatisch nach oben, sobald sie ihre SenseNet-Verbindung mit dem Fahrzeug trennte. Sie griff ihre Ausrüstung, stieg aus dem Fahrzeug aus und warf dem jungen Burschen den Identifikations-Chip zu. „Hier. Melde die Kiste wieder als Frei. Und wunder dich nicht, wenn gleich 'ne Taktische nach der Karre fragt. Ich hab vielleicht ein oder zwei rote Ampeln ignoriert.“

Sie wartete die Antwort des Angestellten gar nicht erst ab, sondern wandte sich zum Gehen, folgte dem gepflegten Fußweg, der am Fuß von Tower 17-1192 durch eine kleine und ordentlich gepflegte Parkanlage mäanderte. Sie rümpfte die Nase über den perfekten kleinen Garten Eden, der hier für viel Geld von spezialisierten Maschinen angelegt worden war. Ein typischer Besucher des Turmes, jemand auf der Suche nach einem Abenteuer in seiner Freizeit, hätte die üppigen Büsche, die gerade gewachsenen Bäume und die farbenprächtigen Blüten sicherlich als überaus ansehnlich beschrieben, vielleicht sogar seinen Input hierher oder in einen der größeren Parks ausgeführt. Für sie war die Vegetation aber ein kleines bisschen zu künstlich, zu prächtig und zu makellos, und das lag nur zu einem Teil daran, dass an den Pflanzen kaum noch ein Gen in seinem ursprünglichen Zustand war. Sie alle waren Bestandteil des Terraforming-Projektes, das den Planeten erst bewohnbar gemacht hatte, und das hieß, dass ihre Gene dahingehend modifiziert worden waren, die ursprüngliche Atmosphäre von 51-Andromedae c in etwas zu verwandeln, das bei Menschen nicht zu endgültiger Auflösung der Lungenbläschen führte. Das - und sie erzeugten diesen widerlich-süßen Vanillin-Gestank, der mit echter Bourbon-Vanille nicht einmal mehr die Summenformel gemeinsam hatte.

D'Anclaude schlug sich in die Büsche und folgte einem mit Holzhäckseln ausgelegten Weg zu einer metallenen Tür. Dahinter befand sich ein Raum für Gartendrohnen, die wegen eines Defektes vorübergehend stillgelegt worden waren. Die Tür entriegelte sich auf einen Befehl ihrer SERAPHIC, und als sie sie wieder schloss, flackerten nackte Leuchtstoffröhren auf.

Unter den toten Augen der drei Drohnen, die hier in ihren Ladestationen auf den nächsten Einsatz warteten, zog D'Anclaude ihre heutige Arbeitsausrüstung für den Besuch im Club Blue an: Einen rostroten kaccha nivi und einen weißen choli, die beide mit einer dünnen Schicht aus Kevlar und Spinnenseide gepanzert waren, sowie elegante Stiefel mit hohen Absätzen. Sie ließ eine Initialisierungssequenz durch die Servomotoren der Prothese laufen, die seit einem Unfall in ihrer Kindheit ihren gesamten linken Arm ersetzte, und verbarg eine kleine Faustfeuerwaffe in den tiefen Taschen ihres Sari. Ihre roten Haare, die gelegentlich ein Eigenleben zu entwickeln pflegten, bändigte sie mit mehreren Haarbändern. Den schwarzen Anzug, den sie bisher getragen hatte (und üblicherweise verabscheute), stopfte sie in die Nylontasche, in der sich der Sari befunden hatte, und verstaute diese zwischen den Ladestationen der Drohnen.

Während D'Anclaude zum Eingang des Hochhauses ging, überflog sie noch einmal im Kopf die Informationen, die sie über diesen Auftrag hatte. Ihre Zielperson war Nathaniel Goldstein, ein Mittzwanziger, der an einer renommierten Universität im Kern Biochemie studierte. Er war bisher ein unauffälliger Typ gewesen, der sein Grundeinkommen mit einer Assistenzstelle aufpolierte und sich von diesem Geld regelmäßige Urlaube auf den noch nicht vollständig erschlossenen Planeten finanzierte. Dass er mehr als ein Student war, hatte sich zuerst herauskristallisiert, als seine bis dahin zufällig geplanten Reisen durch die Expansion zunehmend einem Muster zu folgen schienen, und als SenseNet registrierte, dass er diverse Chemikalien zu horten begann, die zum Brauen von Sprengstoff taugten, verordnete SecTac seine Überwachung. Dabei ergaben sich Verdachtsmomente, dass er möglicherweise Mitglied einer Zelle war, die sich terroristischen Anschlägen auf die Expansion verschrieben hatte. Und jetzt war er hier, im Club Blue, irgendwo oberhalb des vierzigsten Stockwerks in dieser architektonischen Bausünde, die ALEPHs Subroutinen in ihrer grenzenlosen Weisheit ausgeschissen hatten.

„Du denkst wieder schlecht über die ALEPH, Aislinn“, sagte Sarah.

„Raus aus meinen Gedanken, meimei“, entgegnete D'Anclaude stumm. „Sorg lieber dafür, dass mir die Sicherheit vom Hals bleibt. Und dann brauche ich irgendwas aus dem Club. Zapf das lokale Net an.“

Die SERAPHIC und ihr Kontrollorgan, die ALEPH, bildeten das Netzwerk unterhalb des SenseNets, das sich um die Sichtung all der Daten kümmerte, die von den Menschen übermittelt wurden.Viele der Vorgänge waren schon innerhalb des Adapters automatisiert, trotzdem waren die SERAPHICs aufgrund der schieren Menge an Daten nur in der Lage, jeweils eine Handvoll Menschen gleichzeitig zu überwachen - und im Fall der Exekutoren bestand sogar eine echte Partnerschaft, um größtmögliche Synchronisation zu erreichen. Diese speziellen Agenten gehörten auch zu der sehr kleinen Gruppe, die tatsächlich über die ALEPH und die SERAPHIC Bescheid wussten - bei den restlichen Bewohnern der Expansion wurde das Bewusstsein, dass eine totale Überwachung und ständige Vernetzung in einer Art kollektiver Existenz eben nicht normal war, regelmäßig editiert, sodass es mit einem Schulterzucken in den Hintergrund rückte und das gemeine Volk vor allem die Vorteile sah.

Sie durchquerte die Detektoren im Eingangsbereich von Tower 17-1192, und die beiden muskelbepackten Transplantis, die Dienst schoben, erhoben sich, um sie aufzuhalten, als das Gerät die Waffe in ihrem Sari entdeckte. Sie hielten jedoch inne, als Sarah ihnen die Freigabe der Exekutorin in den Sehnerv einspeiste, und ließen sie ungehindert passieren. Sie rief einen Express-Lift, und wenig später senkte sich eine gläserne Kabine auf ihre Etage herab.

Während der Fahrt nach oben erhielt sie die Karte vom Club Blue. Weiße Linien kennzeichneten den Grundriss, und zahllose grüne Punkte füllten das Schema, jeder von ihnen ein Zivilist, ein scheinbar undurchschaubares Wimmelbild, dessen Fragmente in zufälligen Mustern durch den Raum oszillierten. In der Nähe dessen, was die Karte als Westliche Bar kennzeichnete, stach ein roter Punkt aus der Masse des City 17-Volks heraus. Das war Goldstein, mit absoluter Gewissheit lokalisiert und identifiziert durch seinen SenPro-Adapter.

D'Anclaude klinkte sich in die Augen von etwa einem Dutzend der ihrer Zielperson am nächsten stehenden Menschen ein. Ihr Sichtfeld war nun angefüllt mit einer Unzahl einander überlappender Bildausschnitte, die alle irgendwie in Bewegung waren. Die Exekutoren waren genetisch darauf programmiert, hohe Datenmengen zu sichten und zu verarbeiten, aber D'Anclaude war in dieser Hinsicht etwas besonderes. Bei ihr kam es nicht so sehr auf das an, was offensichtlich zutage trat, sondern mehr auf den Subkontext, eine schwer greifbare Ebene unterhalb dessen, was mit bloßem Auge wahrnehmbar war. Sie hatte ein Gespür für Muster, eine Fähigkeit, nicht die aufbereiteten Daten sondern den zugrundeliegenden Datenstrom zu lesen, und so fiel ihr auch verhältnismäßig schnell auf, dass eines der Bildfenster schwarz geblieben war.

„Was ist das?“, fragte sie und holte das Bild in den Vordergrund.

„Maya Jasna Woyce, 32 Jahre. Registrierte Händlerin für Antiquitäten und Artefakte. Waffenbesitzkarte. Flugerlaubnis für Shuttles und Skiffs bis 500 Tonnen ohne Nutzlast. Mehrere leichte Verstöße gegen Gesetze registriert, aber keines als systemrelevant eingestuft. Derzeit registrierte Wohnung in Tower 17-1013. Keine Eintragung über Glitches.“

„Tja, sieht so aus, als sei es übersehen worden. Trag es nach.“ D'Anclaude seufzte. Sie hasste es, wenn das System nicht funktionierte, wie es sollte. Stattdessen rief sie das Bildfenster auf, das der dem Glitch gegenüber stehenden Person gehörte. „Was ist mit ihrem Input?“

„Marigold Stevens, 28 Jahre. Registriertes Apartment in diesem Tower. Mehrere Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. NIAB.“

„Überrascht mich nicht.“ NIAB, das war die Abkürzung für 'Nicht im Arbeitsprozess befindlich'. Natürlich musste in der Expansion niemand mehr arbeiten, denn so ziemlich alle Aufgaben wurden zuverlässig von Maschinen erledigt. Aber manche Menschen - wie Maya Woyce - konnten von der Arbeit nicht lassen. Für sich genommen hatte der Eintrag 'NIAB' keine große Bedeutung, es hing wie so oft alles am Kontext, in dem sich diese Information befand. Und da Marigold Stevens nicht reich geerbt aber dennoch eine Wohnung in diesem Tower hatte, verdiente sie sich ein Zubrot als Daddy's Little Girl.

D'Anclaude musterte die Antiquitätenhändlerin durch Stevens' Augen. Ihre dunkelblonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, und sie trug einen eleganten Anzug. Nach der Art zu urteilen, wie Stevens auf sie herabblickte, war sie etwas kleiner, aber ihr Körperbau war schlank und knabenhaft. Sie wollte Stevens erobern, darauf ließ ihre ganze Körpersprache schließen. Ob die wohl wusste, dass Woyce gar kein Output war?

Sie blätterte die Sichtfelder durch, die Sarah ihr noch ausgewählt hatte, doch Goldstein hatte das geradezu unheimliche Talent, sich aus dem Blickfeld der Menschen um ihn herum herauszuhalten. „Skíta“, fluchte sie, „da sind fast eintausend Leute in dem Laden. Hat keiner von denen eine saubere Sichtachse auf unsere Zielperson?“

„Scanne“, sagte Sarah. „Positiv. Hinter der Bar gibt es zwei Kameras, die ich auf Nathaniel Goldstein ausrichten kann. Es gibt mehrere Personen, in deren peripherem Sichtfeld er sich aufhält.“

Goldsteins Aussehen entsprach im wesentlichen dem Körperscan in seiner Akte. Er lehnte an der Bar und hatte den Blick auf den Ankunftsbereich der Fahrstühle gerichtet, was bedeutete, dass er an Stevens und Woyce vorbei blicken musste. Er hielt einen Drink in den Händen, ohne diesen aber zu trinken. Generell sagte sein SenPro-Adapter, dass er absolut nüchtern war - kein Alkohol, keine Drogen, keine Medikamente. Den Club schien er nicht einmal wahrzunehmen, stattdessen ließ sich eine gewisse Anspannung in der Pose ablesen, mit der er am Tresen lehnte. D'Anclaude runzelte die Stirn. Irgendetwas im Datenstrom stimmte nicht, eine winzige Ungereimtheit, eine kaum wahrnehmbare Dissonanz. Ihr spezielles Talent regte sich, und die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich unwillkürlich auf, animiert vom reptiloiden Teil im Stammhirn ihres Kopfes, jenem Überbleibsel von vielen zehntausend Jahren menschlicher Evolution. Sie konnte den Finger nicht darauf legen, aber das war bei ihrer Intuition häufig der Fall.

In diesem Augenblick gab der Lift einen leisen Signalton von sich, weil er das Stockwerk des Clubs erreicht hatte. Durch das Glas konnte D'Anclaude einen guten Blick auf das scheinbare Chaos erhaschen, das sich vor ihr ausbreitete und von vielen unsichtbaren Linien der Ordnung durchzogen war, die zu lesen ihre Aufgabe war. Die Musik überwand die isolierende Wirkung der Kabinenwand und brachte die gläserne Hülle zum Summen.

D'Anclaude straffte die Schultern. „Also gut. Let's boogie.“

Dann öffneten sich die Türen und ließen sie auf das Nachtleben los.
 
#4
Hallo Alice


So, ich habe es nun durchgearbeitet im wahrsten Sinne des Wortes. Aufmachung sowie Titel sind dir gut gelungen. Wobei ich mich dann frage: Einer von vielen? Interessiert mich das? Klingt so schrecklich normal und wer möchte das schon sein ... .

Science Fiction ist mehr so eine Nischensparte. Was nichts bedeuten soll. Nur da ist halt die Leserschaft bzw. die Anzahl der zu erwartenden zahlenden Kunden kleiner. Ich sehe es ja Tagtäglich an dem was mir an Manuskripten so vorgesetzt wird, bzw. wer dann nach den Buchmessen etwas verkauft oder auch nicht.

Erster Punkt wäre: Hier im Forum wirst du keine vernünftigen Antworten erhalten. Niemand wird dir etwas schlechtes schreiben wollen oder das, was er wirklich denkt um dich nicht zu verletzen. Ist so. Stell dich vor eine Uni, verteile ein paar Kapitel mit beigefügten Fragebogen und warte die Reaktionen ab. Das dürfte interessanter werden.:giggle:

2. Es ist zwar SF, nur muss es deshalb so kompliziert umgesetzt sein? Stellenweise liest es sich wie ein Beitrag in BWL. Der Text beinhaltet keine Sogwirkung die mich in die Handlung zieht, sondern eher oftmals straucheln lässt.

3. Ein wenig fühlte ich mich beim lesen deiner Zeilen an den Butterfly Effect erinnert. Das aber nur so am Rande. Was mich gestört hat ist, das SecTac und MedicAid eingreifen sobald ein Verbrechen sich abzeichnet, allerdings volltrunkene Jugendliche und Andere gewähren lässt. Worauf dann wieder teure Sicherheitssysteme installiert werden müssen. Siehe Balustrade. Hier wäre es für mich logisch, das ab einer gewissen Verhaltensauffälligkeit, die Sicherheit ebenfalls vorbeugend eingreift.

Vom handwerklichen ist alles in Ordnung wie nicht anders von dir erwartet. Ich müsste etwas mehr lesen, um ein vernünftiges Urteil abgeben zu können. Vielleicht ändert sich dein Stil ja noch, wenn die Handlung an Fahrt auf nimmt? Wohlmöglich ist auch jemand Anderes besser für eine gescheite Bewertung geeignet, da ich mit SF nicht besonders viel anfangen kann.


Liebe Grüße,


Hime
 
Zuletzt bearbeitet:

Alice

The Element of Wisdom
Staff member
#5
Hey, Hime! Danke, dass du dir überhaupt die Zeit genommen hast, dich da durchzukämpfen. Ich hatte die Ausschnitte gar nicht mit dem Anspruch gepostet, hier wirklich ernsthafte Kritik zu bekommen, sondern vor allem, um dem Forum ein bisschen Inhalt zu verpassen. ^^ Umso mehr weiß ich deine Antwort zu schätzen!

Ich werde jetzt hier nicht allzu sehr auf deine Anmerkungen eingehen, weil du schon andeutetest, dass Sci-fi nicht so deins ist. Nur eine Anmerkung: E pluribus unum heißt meines Wissens "Aus vielen eines" und steht sowohl für die Stärke, die eine Gemeinschaft hat (das ist beim Wahlspruch der Amis der Hintergrund) als auch dafür, dass der Einzelne etwas besonderes sein kann, auch wenn die Gesellschaft im wesentlich dasselbe macht.

Was das World Building angeht: Da hab ich von einer Lektorin schon das Gegenteil gehört, nämlich dass ich zu wenig erkläre und zu viel Wissen immer erst nach und nach offenlege. Tja, kannst es eben nicht einmal Lektoren durch die Bank immer recht machen.
 
#6
Hallo Alice

Okay, das mit dem Titel ist dann geklärt. Latein gehört nicht zu den Sprachen die ich mal gelernt habe. Nur einige Phrasen, Ausdrücke und Redewendungen. Mag auch an meiner schulischen Erziehung und meiner Denkweise liegen, das ich es falsch aufgefasst habe. Da war es genau entgegen der Einzelperson und aus der Reihe tanzen definitiv unerwünscht.
Der einzelne stellt sich und seine Belange zurück, damit die Gemeinschaft weiterkommt. Das nur mal so am Rande.:giggle:

Tja, kannst es eben nicht einmal Lektoren durch die Bank immer recht machen.
Ja, da ich zu einigen Lektorinnen und Lektoren Kontakte unterhalte ist mir das bekannt. Da tickt jeder anders.
Wobei sich aus so einem Textfragment nicht wirklich viel ersehen lässt. Was mich angeht: Ich würde es auch weiter lesen falls gewünscht. Letztlich entscheidet der Käufer an der Kasse, ob dein Schreibstil gefällt und niemand anderes.

Vielleicht meldet sich ja doch noch jemand hier. Zu wünschen wäre es dir. Ich mag Bücher. Habe ja selbst vieles niedergeschrieben, nur fehlte mir dafür im Laufe der Jahre immer mehr die Zeit zu.

Liebe Grüße,

Hime
 
#8
Hallo Alice

Das kann ich dir nicht beantworten. Wie gesagt, ich habe an dem SF Thema eher mangelndes Interesse. Denkbar wäre es aber schon, das gewisse Lerninhalte irgendwann mal verbraten werden. Das war das Motto der Schule und spiegelte sich in unserem Schulalltag wieder. Mag dir vielleicht ungewohnt vorkommen, allerdings war ich aus meinem Elternhaus auch nichts anderes gewohnt.
Wenn du im alten Forum fleißig mitgelesen hast, ist dir bestimmt aufgefallen das ich schonmal darüber geschrieben hatte, das ich gelernt habe mich z.B. bei Streitereien usw. zurück zunehmen. Sonst hätte ich wohl schon nach einem halben Jahr meinen Account an den Nagel gehängt, wie so viele andere hier. Gründe gab es öfters. Meinungsverschiedenheiten noch mehr. Ich habe dann immer ein paar Tage Pause eingelegt und abgewogen was wichtiger für das Forum ist. Mein verletzter Stolz oder das fortführen der Beiträge ... .

Allerdings soll mein Schulweg sowie meine Erziehung auch nicht das Thema sein. Ich wünsche dir jedenfalls viel Erfolg mit deinem neuen Buch und vielleicht finde ich es ja in absehbarer Zeit im Handel. ( Amazon usw. )
Wobei: Eine Frage hätte ich noch. Ist das Buchprojekt, dein Versuch in die Selbständigkeit zu gelangen von der du neulich geschrieben hast?
Musst nicht darauf antworten, wenn du nicht möchtest. Ich bin einfach wie so oft nur neugieig.

Liebe Grüße,

Hime